Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich in vielen Medien nicht wiederfinden

Redaktionen sollen sich öffnen

29. 07. 2020

Heimische Medien für Migranten – ein Widerspruch? Viele Menschen mit Migrationshintergrund würden das bejahen. Sie fühlen sich in der Berichterstattung nicht ausreichend repräsentiert, auch nicht in den Redaktionsstuben. Menschen mit Migrationshintergrund vermissen Diversität in den Medien.

Die „Tür an Tür – Integrationsprojekte gGmbH“ präsentierte jetzt in Kooperation mit dem Presseclub in ihrem Cafe in der Wertachstraße das Ergebnis einer Umfrage zu dieser Problematik in Augsburg. Bei dem anschließenden Podiumsgespräch äußerten sich Gäste zum Thema „Mediendiversität“, so Dr. Margret Spohn vom Büro für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg , Fatema Mian, Journalistin aus München, a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler und Denzil Manoharan, Projektleiter des Teams für „Diversity-Management“ bei „Tür an Tür".

Einleitend präsentierten Simon Waterschoot und Jakob Ludwig eine Umfrage zum Thema „Augsburg gehört uns allen“. Waterschoot hat die vorgestellte Umfrage vor Ort durchgeführt und an ihrer Auswertung und Veröffentlichung mitgewirkt. Er studiert im Master Sozialwissenschaften (Uni Augsburg) und ist Werkstudent bei der Tür an Tür- Integrationsprojekte gGmbH. Ludwig beschäftigt sich seit zehn Jahren bei Tür an Tür mit der interkulturellen Öffnung der Stadtgesellschaft. Medien spielten in der Gestaltung der Gesellschaft von heute und morgen eine Schlüsselrolle, zitierten die Vortragenden wissenschaftliche Erhebungen. Forschungsergebnisse auf verschiedenen geografischen Ebenen zeigten, dass das Merkmal „Migrationshintergrund“ häufig mit negativer Berichterstattung verbunden sei und dass Menschen mit Migrationshintergrund selten zu Wort kämen. Zudem lasse sich vermuten, dass Menschen mit Migrationshintergrund in ihrem Zugang zu lokalen Medien zum Beispiel aufgrund von sprachlichen Barrieren oder aufgrund fehlender Kenntnis über das lokale Angebot eingeschränkt seien. Ziel der vorgestellten Befragung sei es gewesen, Statements von Augsburgerinnen und Augsburgern mit Migrationshintergrund einzuholen. Im Zeitraum November 2019 bis Januar 2020 seien 340 Personen nach ihrer Sichtweise etwa zu folgenden Themen befragt: worden: Welche Informationen und Inhalte sind aus Sicht der Befragten besonders relevant?Welche Medien

nutzen die Befragten und welche Rolle spielt Sprache bei der Auswahl der Medien? Wo sehen die Befragten Handlungsbedarf? Welche Ideen, Vorstellungen und Wünsche äußern sie? Eine größere Rolle spielte das Thema Sprache: Hier zeigte sich, dass der Wunsch der Befragten nach leichter zu verstehender Sprache in den Medien groß ist – etwas größer sogar als der Bedarf an muttersprachlichen Angeboten. Am meisten Zuspruch hätte jedoch der Wunsch nach einer gesteigerten Repräsentation von Migration in den Medien erhalten. Damit spiegle sich auf lokaler Ebene die vorherrschende Perspektive der Wissenschaft wider, wonach Medien durch die Repräsentation einen wichtigen und effektiven Beitrag für den gemeinsamen Diskurs und damit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt beisteuern könnten. Fazit: Schon heute habe fast die Hälfte der Augsburgerinnen und Augsburger einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Obwohl diese alles andere als eine homogene Gruppe seien, äußern die Befragten mit Blick auf lokale Medien sehr ähnliche Änderungswünsche: Einfache Sprache zur besseren Partizipation, ausgewogene Darstellung von Migration „auf Augenhöhe“

In der anschließenden Gesprächsrunde, die Alfred Schmidt, stellvertretender Vorsitzender des Augsburger Presseclubs und ehemaliger Redaktionsleiter der Augsburger Allgemeinen, äußerte zunächst Denzil Manoharan seine Verärgerung über der Berichterstattung vieler Medien bezüglich Menschen mit dunkler Hautfarbe („People of Colour“, „POC“). Es überwiege die problematische Perspektive, die sich in der Bildsprache fortsetze. Gängige Assoziationen seien etwa Religion/Islam oder Kolonialismus. Fatema Mian forderte zu einer diskriminierungsfreien Berichterstattung auf. Voraussetzung sei, die Problematik sprachlich wie bildlich überhaupt erst zu erkennen. Sie nannte ein Beispiel: Da wurde in einer Zeitung zur Bebilderung des Themas Migrantinnen eine Szene aus einem Friseursalon gezeigt – warum eigentlich nicht aus einem Krankenhaus? Auch Margret Spohn zeigte Fehlleistungen in der Zeitungssprache auf, wenn dort von „Deutschen und Migranten“ oder von „Deutschen und Muslimen“ berichtete werde, was doch vielfach dasselbe sei.?Jürgen Kannler berichtete vom Engagement seines Verlages, im dem die Zeitung a3-Kultur erscheint, in Sachen Diversität. So habe man bei der Redaktionsarbeit festgestellt, das es im Terminkalender der Zeitung „weiße Flecken“ gegeben habe, denen man nachgegangen sei. Und man wolle Veranstaltungstermine, die sich um andere Gesellschafts- und Kulturkreise drehen, nicht nur auflisten, sondern anschließend auch über entsprechende

Veranstaltungen berichten.?Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer: Ganz entscheidend für Fortschritte sei der entsprechende Wille. Daran anknüpfend die Forderung von Fatema Milan, entsprechend einer Studie der „Neuen deutschen Medienmacher*innen“ mit dem Titel „Viel Wille – kein Weg“: Die Medienhäuser, die Redaktionen, müssen sich zügig mehr für Medienmacher mit Migrationshintergrund öffnen.?Der Diskussion schloss sich bei bester Abendstimmung ein geselliges Beisammensein bei Speis und Trank auf der Terrasse des Cafe Tür an Tür an, coronabedingt freilich unter Einhaltung der entsprechenden Abstands- und Hygienemaßnahmen.?

Michael Siegel

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